4. Perspektiven für das Alter

Vorbemerkung: Das nachfolgende Kapitel befasst sich mit der letzten Lebensphase und mit dem Sterben. Es geht auch darum, wie man einen begonnenen Sterbeprozess selbstbestimmt abkürzen kann. Das sind wichtige Themen, die eben auch zum Leben gehören. Viele Schlaganfall-Patienten sind jedoch psychisch labil und/oder von Depressionen betroffen. Für solche Menschen kann die Lektüre des nachfolgenden Texts sehr belastend sein.

4.1 Behinderung im Alter
Wenn man als relativ junger Mensch im Rollstuhl sitzt, dann ist das alles andere als ein Vergnügen. Dieses ganze Buch beschäftigt sich damit, wie man als Behinderter seine Situation bewältigen kann. Wenn aber ein behinderter Mensch altert, dann stellt das möglicherweise enorme Anforderungen – an die Betroffenen, an die Pflegekräfte und ans Bankkonto. Die Kombination von Behinderung, Gebrechlichkeit und/oder Demenz verschärft die ganze Situation drastisch. Durch den technischen Fortschritt in der Medizin werden auch Behinderte immer älter. Heute sind schon drei Viertel der Behinderten über 55 Jahre alt. Daher verlangt der Alterungsprozess behinderter Menschen immer mehr Aufmerksamkeit von allen beteiligten Seiten. Im Prinzip haben alternde Rollifahrer die gleichen Gesundheitsprobleme wie alle Alten. Sie machen sich aber in der Regel früher bemerkbar und sind stärker ausgeprägt. Außerdem entstehen oft zusätzliche, situationsbedingte Beschwerden, wie Rückenprobleme und wundgesessene Stellen.
 Aber nicht nur die Gesundheitsprobleme des Alters sind zu bewältigen. Es stellt sich auch die Frage, wie die häusliche Pflege organisiert werden kann, wenn die pflegenden Angehörigen ebenfalls alt und gebrechlich werden. Die Besuche eines ambulanten Pflegedienstes können das nicht immer ausgleichen. Und stationäre Pflegeheime oder angestellte (osteuropäische) Pflegekräfte sind sehr teuer. Die stationäre Pflege führt nicht selten zum finanziellen Ruin des Betroffenen und eventuell der ganzen Familie. Diese Problematik betrifft auch viele nicht-behinderte Menschen in den letzten Lebensjahren.
 Das Ziel ist natürlich, möglichst beschwerdefrei zu altern und den alterungsbedingten, zusätzlichen Leistungsabfall so lange wie möglich hinauszuzögern. Um einigermaßen beschwerdefrei alt zu werden, müssen sich Betroffene also frühzeitig und weitaus intensiver als Nicht-Behinderte um eine gesunde Lebensweise bemühen. Damit haben sich vorangegangene Kapitel dieses Buchs ja intensiv beschäftigt.

4.2 Wie lange kann das gutgehen?
Wie alt kann man mit Behinderung werden? Natürlich drängt sich diese Frage auf, wenn man erleben muss, wie einen der eigene Körper im Stich lässt.
 Die Frage nach der durchschnittlichen Lebenserwartung von Rollstuhlfahrern lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Behinderungen und Lebensweisen sind ja sehr unterschiedlich. Auch die Psyche und der Geisteszustand spielen eine Rolle. Es gibt deshalb keine Langzeit-Studien, die alle Einflussfaktoren berücksichtigen.
 Generell kann man sagen, dass geistig und/oder körperlich behinderte Menschen im Durchschnitt deutlich früher sterben als Menschen ohne Behinderung (84)
 Studien zur Lebenserwartung von Schlaganfall-Patienten belegen, dass diese Menschen im Durchschnitt wesentlich früher sterben. Wie früh, hängt aber natürlich von den individuellen Gegebenheiten ab. Eine Studie aus den USA kommt zu folgendem Ergebnis: 25 % der Schlaganfall-Patienten sterben innerhalb von 30 Tagen. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, wie gravierend der Schlaganfall war. Häufige Todesursache sind auch Komplikationen wie Lungenentzündung oder Harnwegsinfektion. Von den Überlebenden der Akutphase erleiden 16 % innerhalb von 12 Monaten einen erneuten Schlaganfall. Vor allem Diabetiker haben auch in den weiteren Jahren ein hohes Schlaganfall-Risiko. Bei Nicht-Diabetikern werden allgemein Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur häufigsten Todesursache. Gemäß der zitierten Studie erhöhen folgende Faktoren die Sterblichkeit (Mortalität) nach einem Schlaganfall: zunehmendes Alter, Herzprobleme, vorangegangene Schlaganfälle, Gefäßkrankheiten, Rauchen, Alkohol, hohe Blutzuckerwerte sowie Bluthochdruck.
 Nach fünf Jahren sind in den USA nur noch 40 % der Betroffenen am Leben, die Hälfte davon behindert. Die Lebenserwartung kann laut Studie steigen, wenn man durch geeignete Maßnahmen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduziert (85). Das sind vor allem die in diesem Buch angesprochen Themen: Ernährung, die Versorgung mit Vitalstoffen, Bewegung ...
 Bei einem Drittel der Schlaganfall-Patienten entwickelt sich eine mehr oder weniger schwere Depression (PSD) (86). Siehe Kapitel 3.3. Auch das kann die Sterblichkeit erhöhen.

Zur Lebenserwartung von Querschnittgelämten gibt es eine neue, detaillierte Langzeit-Studie aus den USA. Demnach ist die Sterblichkeit im ersten Jahr signifikant erhöht. Die Höhe des geschädigten Rückenmarksegments (Läsionshöhe) hat einen großen Einfluss auf die Lebenserwartung. Zum Vergleich: Ein gesunder 40jähriger hat durchschnittlich noch 40,6 Lebensjahre vor sich. Sind nur die Beine von der Lähmung betroffen (Paraplegie), dann verringert sich die Lebenserwartung auf 28,1 Jahre. Sind Ober- und Unterkörper betroffen (Tetraplegie, C1 - C4), dann bleiben im Durchschnitt noch 21 Lebensjahre. Sollte eine künstliche Beatmung notwendig sein, dann sind es 12,6 Jahre. Diese Zahlen gelten für Patienten, die das erste Jahr überlebt haben. Die Studie enthält auch Zahlen von Menschen, die bei Eintritt der Schädigung 20 bzw. 60 Jahre alt waren (87).
 Die Todesursachen von Querschnittgelämten sind häufig: Lungenentzündung, Infektionen durch die Beatmung, Harnwegsinfektionen durch das Katheterisieren und/oder durch ständig in der Blase verbleibenden Restharn, Antibiotika-Resistenz bzw. Anfälligkeit gegen multiresistente Keime. Auch Blasen- und Prostatakrebs kommt angeblich häufiger vor als bei der Durchschnittsbevölkerung. Ebenso Diabetes.

Nach einigen Jahren mit eingeschränkter Bewegung rückt ein Problem in den Vordergrund, das auch vielen Nicht-Behinderten das Leben kostet: Bewegungsmangel. Generell gilt die Feststellung: Wer viel sitzt, ist früher tot. Was für unsportliche Büroangestellte gilt, gilt erst recht für Rollstuhlfahrer: Bewegungsmangel begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen aller Art. Außerdem gelangt weniger Sauerstoff ins Gehirn. Der Stoffwechsel fährt zurück und der Körper kann Stress-Symptome zeigen. Bewegungsmangel verändert die Hormon-Konzentration im Blut, dies erhöht beispielsweise die Gefahr, an Diabetes zu erkranken (88). Wer sich wenig bewegt, hat große Chancen, frühzeitig an einem Herzinfarkt, Schlaganfall, an Arterienverkalkung usw. zu sterben. Erkrankungen am Herz-Kreislauf-System sind mit weitem Abstand die häufigste Todesursache in Deutschland. Das bedeutet, dass der frühere Tod von behinderten Menschen oft gar nicht von der ursprünglichen Krankheit verursacht wird.
 Angeblich sind 80 % der über 70-jährigen Deutschen übergewichtig. Das betrifft vor allem Menschen mit geringerem Einkommen. »Je reicher, desto schlanker« (89). Wenn diese dicken Menschen dann auch noch bewegungslos im Rollstuhl sitzen, dann ist ein früher Tod vorprogrammiert.
 Zur Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde in diesem Buch schon einiges gesagt. Folgende Punkte sind hier maßgeblich:
• Möglichst viel Bewegung (z.B. am Motomed).
• Kein Übergewicht (zum Thema Ernährung siehe Kapitel 3.10).
• Die Versorgung mit Vitalstoffen, vor allem mit Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Arginin (siehe Kapitel 3.13).
• Der (weitgehende) Verzicht auf Alkohol, Nikotin und Zucker.

Auch die Psyche hat großen Einfluss auf die Lebenserwartung. Das gilt natürlich nicht nur für Rolli-Fahrer. Wer positiv denkt, voller Lebenslust sorgen- und angst- und stressfrei seine Tage verbringt, wer entspannt das Schöne am Leben genießt – der lebt im Durchschnitt länger.

4.3 Der selbstbestimmte Tod

4.3.1 Die Patientenverfügung
Früher starben die meisten alten und/oder kranken Menschen zuhause, im Kreis der Angehörigen. Heute sterben viele im Krankenhaus, bis zuletzt angeschlossen an lebenserhaltende Apparate. Durch die moderne Gerätemedizin wird aber möglicherweise nur das Leiden unendlich verlängert – ohne jegliche Aussicht auf eine Besserung des Zustands. Der Prozess des Sterbens wird oft auf unerträgliche Weise in die Länge gezogen. Es passiert, was viele befürchten: Das Sterben wird ein schwieriger, langwieriger Vorgang. Um das zu vermeiden, hinterlegen immer mehr Menschen in besseren Tagen eine Patientenverfügung. Das ist ein Schriftstück, in dem man festlegt, was passiert, wenn man irgendwann seinen Willen nicht mehr äußern kann. In erster Linie geht es dabei um die Verweigerung lebensverlängernder Maßnahmen im Fall einer tödlich verlaufenden Krankheit. Mit einer Patientenverfügung wahrt man also sein Mitspracherecht in dieser letzten Lebensphase. Man behält bis zuletzt die Kontrolle über sein Leben. Selbstbestimmt bis zum Ende.
 Neben der Patientenverfügung sollte man zusätzlich eine Vorsorgevollmacht erstellen. Darin kann man festlegen, dass im Ernstfall eine Vertrauensperson bestimmte Rechtsgeschäfte im Namen des Patienten tätigen darf. Näheres dazu in Kapitel 1.3.2. Der Bevollmächtigte (oder eventuell ein gesetzlicher Betreuer) hat auch die Aufgabe, »dem in der Patientenverfügung geäußerten Willen Ausdruck und Geltung verschaffen« (§ 1901a Abs. 1 Satz 2 BGB).
 Seit 2009 ist in Deutschland gesetzlich geregelt, dass der Patientenwille für den Arzt maßgeblich ist. Wenn eine Patientenverfügung vorliegt, muss der behandelnde Arzt entsprechende ärztliche Maßnahmen vorschlagen und mit dem Bevollmächtigten oder Betreuer besprechen. Der Patientenwille ist dabei nicht nur zu berücksichtigen, sondern er bildet die Entscheidungsgrundlage.
 In der Praxis gibt es dabei allerdings immer wieder Probleme. Vor allem mit Ärzten und Krankenhäusern, die sich als »christlich« bezeichnen. Sie weigern sich nicht selten, den Patientenwillen zu respektieren. Rigoros werden selbst völlig sinnlose lebensverlängernde Maßnahmen als »christliches Gebot« bezeichnet. Auf der anderen Seite soll es fundamentalistische Christen geben, die auch die lebensverlängernden Maßnahmen als »Eingriff in Gottes Wege« bezeichnen. Sie wollen »den natürlichen Verlauf abwarten und die Sache Gott überlassen«. Beide Einstellungen widersprechen jeglicher Vernunft sowie der medizinischen und rechtlichen Sachlage. In so einem Fall sollte man sofort den Arzt oder das Krankenhaus wechseln. (Nicht nur) in dieser finalen Lebensphase braucht man Ärzte, die einem mit Vernunft, Augenmaß und gesundem Menschenverstand zur Seite stehen.
 Ausfüllbare Vordrucke für die Vorsorgevollmacht und Textbausteine zum Verfassen einer persönlich angepassten Patientenverfügung findet man zum Herunterladen auf der Homepage des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz: www.bmjv.de.

Viele Menschen verfassen also vorsorglich, wenn sie noch gesund sind, eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung. Normalerweise genügt es, diese Schriftstücke zu unterschreiben und sicher zu verwahren – natürlich so, dass sie im Ernstfall gefunden werden. Manchmal kommen Zweifel auf, ob ein Betroffener diese wichtigen Schriftstücke auch wirklich selbst unterschrieben hat. Denn so mancher Angehörige oder Verwandte ist mit den darin festgelegten Regelungen gar nicht einverstanden. Besonders, wenn es um Vollmachten geht, welche die Finanzen betreffen. Deshalb ist es sinnvoll, die Dokumente im Beisein eines Notars zu unterschreiben (notarielle Beglaubigung). Das kostet nicht viel und bringt Sicherheit.
 Auf jeden Fall sollten Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer registriert werden. Im Notfall schauen die Ärzte dort nach, ob solche Dokumente vorliegen. Beim Zentralen Vorsorgeregister liegen nicht die Dokumente selbst. Die Datenbank gibt Auskunft über deren Vorhandensein und über den Namen eines Bevollmächtigten. Man kann auch einen Kommentar hinterlegen, z.B. über den Aufbewahrungsort der Dokumente.
 Information und Registrierung: www.vorsorgeregister.de.

4.3.2 Sterbehilfe
Sterbehilfe kann darin bestehen, lebenserhaltende Geräte abzuschalten, aber auch darin, einen Selbstmord (Suizid) zu begleiten oder eine Tötung auf Verlangen durchzuführen.
 Das Abbrechen lebensverlängernder Behandlungsmaßnahmen bezeichnet man als passive Sterbehilfe. Die Behandlung ist dann nur noch darauf ausgerichtet, die Lebensqualität in der verbleibenden Zeit zu verbessern (Palliativmedizin). Man lässt also dem natürlichen Sterbeprozess seinen Lauf. Häufig haben die Betroffenen zuvor in einer Patientenverfügung festgelegt, dass lebensverlängernde Maßnahmen unterbleiben sollen, wenn keine Aussicht auf Heilung besteht und sie ihren Willen nicht mehr selbst äußern können.
 Eine andere Art von Sterbehilfe ist die Beihilfe zum Selbstmord (Assistierter Suizid). Meistens läuft das so ab, dass eine Vertrauensperson ein Mittel zur Selbsttötung besorgt und bereitstellt. Der Betroffene muss den letzten Schritt, z.B. die Einnahme tödlich wirkender Medikamente, jedoch selbst tun. Sonst wird das als Mord bestraft. Die Beihilfe zum Selbstmord ist in Deutschland keine Straftat, wenn der Helfer ein Angehöriger oder eine nahestehende Person ist und in einer Ausnahmesituation handelt. Man muss jedoch sorgfältig darauf achten, dass man keine »aktive Hilfestellung bei der Selbsttötung« leistet. Da macht man sich auf jeden Fall strafbar. Aber auch, wenn man die tödlich wirkenden Medikamente nur bereitstellt, riskiert man eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und/oder wegen eines Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz. Eine ärztliche Suizidbeihilfe ist gemäß neuester Gesetzeslage weiterhin nicht erlaubt.
 Von aktiver Sterbehilfe spricht man, wenn der Tod aktiv herbeigeführt wird, nachdem der Patient einen entsprechenden Willen geäußert hat (Tötung auf Verlangen). Das wird in Deutschland auf jeden Fall als Mord bestraft, mit bis zu fünf Jahren Haftstrafe. Ein Sterbewilliger hat also kaum eine Möglichkeit, Beistand zu finden. Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod wird vom Staat nur wenig respektiert.

4.3.3 Selbstmord
»Aber wie kann man sich freiwillig entschließen, unsere Fülle gegen dieses endlose Nichts einzutauschen? [ ... ] Warum nicht? Wenn es einem so schlecht geht [ ... ], was sind dann ein paar Jahre mehr oder weniger?« (90)
 Selbstmord? Wegen der Behinderung? Nein, auf keinen Fall! Selbstmord ist allenfalls ein Thema, wenn es darum geht, einen bereits begonnenen Sterbeprozess abzukürzen und damit unerträgliche Qualen zu beenden. Pflegenotstand, Depressionen, Einsamkeit, Armut etc. sollten und dürfen keinesfalls Grund sein für einen Sterbewunsch. In solchen Fällen ist jede erdenkliche Hilfe zu leisten – durch Betreuer, Angehörige, aber auch durch die Gesellschaft allgemein.
 Die Ärzte tun alles, um einen Patienten möglichst lange am Leben zu erhalten. Das ist ihr Job. Was aber, wenn der Patient das gar nicht mehr will? Oder wenn er es einfach nicht mehr aushalten kann? Zum Beispiel, wenn ihn unerträgliche Schmerzen quälen, wenn der Körper zerfällt – ohne jede Aussicht auf Heilung. Nicht jeder Patient möchte oder kann eine tödliche Krankheit bis zum unausweichlichen, qualvollen Ende durchleben. Aber es hilft nichts: Man kann den Arzt nicht einfach bitten, einem beim Sterben zu helfen. Trotz aller Diskussionen ist und bleibt aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten (siehe vorangegangenes Kapitel). Und die Patientenverfügung greift erst, wenn man schon im Sterben liegt. Wem professionelle Hilfe beim Sterben verweigert wird, dem bleibt nur, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: Selbstmord (Suizid). Allerdings ist das für stark behinderte Rollstuhlfahrer alles andere als einfach durchzuführen.
 Genauso wie das Recht auf Leben, hat man das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Jeder Mensch kann sterben wie und wann er möchte. Diese schwerwiegendste Entscheidung des Lebens muss jeder eigenverantwortlich für sich treffen. Eventuell im Einvernehmen mit Angehörigen und engen Freunden. Es versteht sich von selbst, dass junge, gesunde und depressive Menschen jede erdenkliche Hilfe und Beistand brauchen, damit ein Suizid möglichst verhindert wird. Bei diesem wichtigen Thema sollte es nicht um politische und religiöse Einstellungen gehen, sondern allein um Vernunft und gesunden Menschenverstand.
 Wenn man sich einmal für Selbstmord entschieden hat, dann sollte man eine Methode wählen, die das Leben schnell, zuverlässig und ohne Qualen beendet. Ein erfolgloser Selbstmordversuch kann zu zusätzlichen geistigen und/oder körperlichen Behinderungen führen. Man hat dann möglicherweise keine Gelegenheit für einen weiteren Versuch. Energisches, couragiertes Vorgehen ist also wichtig, wenn man sich einmal entschieden hat. Nur deshalb – und nicht etwa als Ermunterung zu diesem Schritt – werden nachfolgend fünf zuverlässige Selbstmord-Methoden beschrieben.
 Einige Menschen, also auch Behinderte und Betreuer, lehnen es empört ab, offen und sachlich über das Thema Suizid zu diskutieren. Erst recht nehmen sie Anstoß daran, wenn entsprechende Anleitungen verbreitet werden. In anderen Ländern begegnet man dem Thema eher unverkrampft: In den USA findet man Selbstmord-Anleitungen (»how-to-kill-yourself-books« oder auch »self-deliverance-books«) sogar in den Bestseller-Listen. Z.B. »Final Exit« von Derek Humphry. Es ist natürlich zu respektieren, wenn man das Thema für sich ablehnt. Nicht akzeptabel ist dagegen, wenn man die Ablehnung auch anderen vorschreiben will. Wir leben in einer freien Gesellschaft.
 Vorsicht: Angehörige und Freunde, die von einem geplanten Suizid wissen, oder sogar dabei sind, wenn es passiert, machen sich unter Umständen wegen Sterbehilfe bzw. wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. Die Homepage der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben informiert umfassend über die rechtlichen Grundlagen: www.dghs.de
 Angeblich gibt es bei Google jeden Monat Hunderte von Suchanfragen zum Thema Selbstmord-Methoden. Es gibt hier offensichtlich einen großen Informationsbedarf. Aber: Selbstmord ist die wichtigste Entscheidung des Lebens. Über die richtige Methode sollte man sich nicht auf irgendwelche »Empfehlungen« aus dem Internet verlassen. Auch versteht sich von selbst, dass man mit seinem Suizid keine anderen Menschen belastet. In die Tiefe zu springen, sich zu erschießen, erhängen oder sich vom Zug überfahren zu lassen, scheidet damit aus. Keinesfalls sollte man andere Menschen gefährden oder Lokführern, Rettungskräften und/oder Angehörigen traumatische Erlebnisse aufzwingen.
 Einer der wenigen, die sich aus wissenschaftlicher Sicht mit diesem Thema beschäftigen ist der britische Medizin-Ethiker Chris Docker. In seinem über 800 Seiten dicken Buch »Five Last Acts – The Exit Path« beleuchtet er im Detail verschiedene Selbstmord-Methoden. Das Buch ist in Deutschland bei Amazon bestellbar, aber leider nur auf Englisch. In deutscher Sprache ist zu diesem Thema kaum etwas erschienen. Den Verlagen ist das Thema Suizid offensichtlich zu heikel. Lediglich bei Amazon wird man fündig. Z.B. »Die Friedliche Pille« von Fiona Stewart und Philip Nitschke. Das ist die deutsche Übersetzung eines australischen Buchs. Erhältlich ist es aber bislang nur als elektronisches Buch (Kindle eBook). Laut Amazon gehört es zu den 100 meist gekauften Büchern. Die Verlage ignorieren also das große Interesse der Menschen an Informationen über Wege zum selbstbestimmten, würdigen Tod. Dabei lesen das viele nur aus Neugier. Diese Bücher führen bestimmt nicht zu mehr Selbstmorden.

Was ist also die beste Suizid-Methode? Chris Dockers Antwort: Es kommt drauf an ... In seinem Buch beschreibt er fünf empfohlene Methoden. Sie werden nachfolgend aus der Sicht des Rollstuhlfahrers in Stichworten erklärt. Wer einen Suizid plant, muss sich unbedingt intensiv und im Detail mit den möglichen Methoden beschäftigen.

Methode 1: Helium-Gas. Man kauft sich eine Gasflasche mit Helium (Ballongas) und einen Gasschlauch. Den Schlauch schließt man an die Gasflasche an und klebt das andere Ende innen in eine möglichst kleine Plastiktüte. Die stülpt man sich über den Kopf, dichtet sie am Hals ab und dreht das Gasventil auf. Nach wenigen Sekunden schläft man sanft ein.
 Das ist angeblich die wichtigste rational geplante Suizid-Methode, erfordert jedoch einiges an Vorbereitung und ist daher für Rollstuhlfahrer nur in Ausnahmefällen geeignet.

Methode 2: Abdrücken der Halsschlagader (Compression Method). Man wickelt sich eine Schnur, Mullbinde o.ä. um den Hals. Eventuell dreht man mit einem Knebel solange zu, bis die Halsschlagader abgedrückt ist. Die Atmung soll dadurch nicht behindert werden. Wegen des entstehenden Blut- und Sauerstoffmangels im Gehirn schläft man nach wenigen Sekunden sanft ein.
 Diese Methode erfordert praktisch keine Vorbereitung und eignet sich gut für bettlägerige Patienten, z.B. im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Allerdings braucht man zwei funktionsfähige Arme – Tetraplegiker werden das nicht können.

Methode 3: Schlaftabletten und eine Plastiktüte. Hierbei soll eine Überdosis starker Schlaftabletten für Tiefschlaf sorgen. Nach deren Einnahme stülpt man sich eine große, dichte Plastiktüte über den Kopf und dichtet sie am Hals ab. Dies verursacht nach einiger Zeit Sauerstoffmangel und eine Kohlendioxid-Vergiftung, was dann unmerklich im Schlaf zum Tod führt. Die Überdosis an Schlaftabletten allein reicht meistens nicht aus, um den Tod herbeizuführen. Man benötigt für den Tiefschlaf starke Schlaftabletten, vor allem mit den Wirkstoffen Zolpidem oder Temazepan. Diese Tabletten sind verschreibungspflichtig und entsprechend schwer zu bekommen. Bevor man sie nimmt, muss man ein Mittel gegen Erbrechen nehmen, sonst bleiben sie meistens nicht im Magen. Alkohol verstärkt die Wirkung der Tabletten. Es kann eine Stunde dauern, bis der Tod im Schlaf eintritt. Diese Methode wird seit vielen Jahren häufig praktiziert. Wenn sie (in wenigen Fällen) nicht funktioniert, dann meistens deshalb, weil die Plastiktüte zu klein war. Dann kann es passieren, dass die Luft in der Tüte verbraucht ist, bevor man richtig schläft. Man reagiert dann instinktiv panisch und reißt sich die Tüte vom Kopf.

Methode 4: Medikamente in tödlicher Dosis / Gift. Es ist nicht einfach und möglicherweise qualvoll, sich mit Medikamenten oder Gift das Leben zu nehmen. Vorbereitend sollte man ein Mittel gegen Erbrechen nehmen, damit die einzunehmenden Substanzen im Magen bleiben. Dann nimmt man eine Überdosis starker Schlaftabletten, die dafür sorgen sollen, dass man sanft im Schlaf stirbt. Erst dann nimmt man die tödliche Substanz ein. Zuverlässig tödlich wirkende Medikamente oder Gifte sind schwer zu bekommen. Man findet sie auch nicht im Internet. Bis 1992 konnte man Schlafmittel aus der Gruppe der Barbiturate für den Suizid verwenden. Die wirken bei Überdosierung zuverlässig tödlich. Gerade deshalb wurden sie vom Markt genommen.
 Verfügbarer Ersatz, wenn auch viel weniger wirksam: Chloroquin. Das ist ein Arzneistoff, der zur Vorbeugung und Behandlung von Malaria verwendet wird. Chloroquin ist z.B. in dem verschreibungspflichtigen Medikament Resochin enthalten. Schlafmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine machen Chloroquin teilweise unwirksam. Man darf also für den Suizid keine Schaftabletten nehmen, deren Name auf -azepam endet. Stattdessen empfiehlt sich der Wirkstoff Zolpidem. Man muss 40 - 50 Tabletten mit Chloroquin schlucken, damit das zuverlässig tödlich wirkt. Das dauert eine Weile. Deshalb sollte man die Schlaftabletten erst danach nehmen. So verhindert man das Einschlafen, bevor das Gift im Magen ist. Chloroquin wirkt frühestens nach einer halben Stunde.

# 37: Der Eisenhut aus dem Garten ist sehr giftig,
tötet aber nicht immer zuverlässig.

Methode 5: nichts mehr essen und trinken. Austrocknung (Dehydratation) ist eine gar nicht so seltene Suizid-Methode. Für Menschen mit schwersten Behinderungen ist das möglicherweise der einzige Weg, das Leben willentlich zu beenden. Die Verweigerung von Nahrung und Flüssigkeit führt in der Regel nach 10 bis 15 Tagen zum Tod. Das ist also ein langwieriger Sterbeprozess. Normalerweise sind keine wesentlichen körperlichen Qualen zu befürchten, bevor man friedlich einschläft. Nicht zu unterschätzen ist allerdings die psychische Belastung über diesen langen Zeitraum – nicht nur für den Betroffenen, sondern vor allem auch für die Angehörigen und Betreuer.

Eine bekannte Methode bewertet Chris Docker vorwiegend negativ: sich zu ertränken. Denn dieser Versuch bleibt in vielen Fällen erfolglos. Falls man von einem wohlmeinenden Lebensretter nach ein paar Minuten aus dem Wasser gezogen und wiederbelebt wird, besteht die Gefahr eines bleibenden Hirnschadens. Selbstmord im Wasser kann funktionieren, wenn man mit viel Alkohol im Blut in eiskaltes Süßwasser springt. Da ist man angeblich nach wenigen Sekunden bewusstlos, weil Süßwasser sehr schnell über die Lunge in die Blutbahn gelangt. In Salzwasser dagegen dauert der Todeskampf meist mehrere Minuten lang, bis man schließlich qualvoll erstickt. Es ist also keine gute Idee, mit dem Rollstuhl von einer Hafenmole ins Meer zu plumpsen.

Selbstmord ist also nicht so einfach, wie das in vielen Spielfilmen aussieht. Eventuell sollte man mehrere der oben beschriebenen Methoden miteinander kombinieren – oder man findet doch noch einen Weg zu neuer Lebenslust.

4.3.4 Alternativen zum Selbstmord
»[ ... ] mach das Beste aus dem, was dir geblieben ist.« (91)
 Die Alternative zum Selbstmord ist ein schmerzfreies, natürliches Sterben in Würde. Allerdings kann man einen Sterbeprozess nicht natürlich nennen, der durch Apparate-Medizin unendlich verlängert wird. Nur noch wenige Menschen sterben zuhause, im Kreis ihrer Angehörigen. Manche Patienten liegen im Krankenhaus und fragen sich, wozu ihre Qualen durch die angeschlossenen Geräte künstlich verlängert werden. Sie bereuen bitter die verpasste Chance für einen selbstbestimmten Tod – sofern sie noch bei klarem Verstand sind. Selbstmord kann und sollte also nur dann infrage kommen, wenn es darum geht, einen bereits begonnenen Sterbeprozess abzukürzen und damit unerträgliche Qualen zu beenden. In der allerletzten Phase kann eine vorab verfasste Patientenverfügung für ein menschenwürdiges Ende sorgen.
 Die Alternative zum Selbstmord liegt vor allem in einer individuell angepassten Palliativmedizin. »Die Palliativmedizin konzentriert sich auf die bestmögliche medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Behandlung und Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen sowie ihrer Angehörigen. Gemeinsames Ziel ist es, für weitgehende Linderung der Symptome und Verbesserung der Lebensqualität zu sorgen – in welchem Umfeld auch immer Betroffene dies wünschen.«(92)
 Bei der Palliativmedizin steht der Wille des Patienten im Vordergrund. So kann er sich beispielsweise gegen eine anstehende Operation entscheiden, die ohnehin keine Heilung brächte. Stattdessen kann er sich bewusst für eine reine Schmerzbehandlung und psychische Betreuung entscheiden. Palliativmedizin ist allerdings nicht mit Sterbehilfe zu verwechseln.

Was aber, wenn man noch nicht im Sterben liegt, man aber trotzdem nicht mehr mag oder kann? Wenn man genug hat von der zermürbenden Mühsal des Alltags mit Behinderung? Wenn man dieses Leben einfach nur noch zum Kotzen findet? Wenn Frust statt Lebenfreude Denken und Fühlen bestimmt? Manchmal löst schon ein kleines Alltagsproblem den Gedanken aus: »So, jetzt reicht es mir endgültig!« In einigen Fällen lösen Schicksalsschläge den Wunsch aus, sterben zu wollen, etwa wenn ein Angehöriger stirbt. Es gibt auch die kühlen Kalkulierer, die ihr Leben als Behinderter beenden wollen, solange sie das noch können – und bevor altersbedingte Beschwerden die ganze Situation verschlimmern. Unterschiedliche Charaktere gehen unterschiedlich um mit Krisensituationen.

Pflegenotstand, Depressionen, Einsamkeit, Armut etc. sollten und dürfen keinesfalls Grund sein für einen Sterbewunsch. In solchen Fällen ist jede erdenkliche Hilfe zu leisten – durch Betreuer, Angehörige, aber auch durch die Gesellschaft allgemein. Eventuell kann eine Psychotherapie zu neuer Lebensfreude verhelfen. Es gibt auch wirksame Medikamente, die die Psyche positiv beeinflussen. Wichtig ist vor allem auch, dass man in ein stabiles soziales Umfeld eingebunden ist, mit Menschen, denen man vertraut und die einem in jeder Krise beistehen. Es lohnt sich, für die Fülle des Lebens zu kämpfen!

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